»Wir streben ununterbrochen nach Verwirklichung unseres vollen Potenzials. Nie waren wir derart Selbstbestimmt. Wir sind der festen Überzeugung uns von gesellschaftlichen Regeln frei gemacht zu haben. Was aber, wenn der unendliche vielfältige Mensch weiterhin lieber in seinem Wohnzimmer hockt, weil er dort Geborgenheit findet? Der Mensch war und ist ein soziales Wesen erst der Austausch mit anderen Menschen macht ihn zum Menschen. Die Epoche der Aufklärung, die weder Himmel und Hölle kennt hat dazu geführt das die Individualität ein für uns beruhigendes Konstrukt ist. Die Vision vom einzigartigem Denken, vom Spuren hinterlassen auf diesem Planeten lässt uns alle zu Hippen jungen Großstadt Menschen werden, die eine Menge spannende Projekte am laufen haben und ihre eigene Meinung über hunderte Kanäle propagieren. In Wahrheit ist es aber ungeheuer beruhigend, Teil der Masse zu sein. Die Angst davor ist völlig unbegründet, denn als Teil einer Masse ist man nicht mehr vollkommen auf sich gestellt. Die Identifikation mit vielen anderen gibt enorme Sicherheit und erlaubt es gleichzeitig, Dinge zu tun, die man sich alleine nie getraut hätte. In unserer Alltagskultur spricht man von der »selbstbeherrschten Masse«. Diese ist freiwillig entstanden, zeitlos und muss nicht an einem Ort versammelt sein. Anhänger einer Mode, einer Musikrichtung oder eines Fussballclubs sind über eine gemeinsame Idee sozial verbunden. Alleine aus der freien Kombination dieser unterschiedlichen Ideen entfaltet sich der Einzelne. So wird der Mensch durch die Masse nicht entmündigt sondern findet so erst seine Sprache.



Jede Gesellschaft hat gewisse kulturelle Spielregeln, Sitten und Gesetze, die wir im Laufe unserer persönlichen Entwicklung erlernen. Mithilfe dieser Normen werden Handlungen zuverlässig prognostizierter und das miteinander Leben erst möglich. Denn Vertrauen entsteht durch Vertrautes, also durch die Wiederholung bestimmter Eigenschaften und Merkmale über lange Zeiträume. Für den Individualisierungsfetischismus bietet das 21 Jahrhundert die besten Möglichkeiten. Facebook & Co. strotzen vor Einmaligkeit. Sie sind elektronische Tempel der Individualität. Hier zeigen wir wer wir sind und was wir vorhaben. Wenn wir aber statt an Selbstbetrug an Erdhaftung interessiert sind, müssen wir uns klarmachen, dass unser Moment des Ruhms und der Anerkennung eben nur ein Moment ist. Das macht den Moment nicht weniger schön, nur im positiven Sinne realistischer. In unser aller Leben gibt es eigentlich nichts mehr, was die Welt permanent aus den Angeln hebt: Das Auto wurde schon erfunden und Goethe ist tot. Eigentlich können wir gleich anfangen Laub zu harken, alle paar Jahre ein Auto finanzieren, zwischendrin geht es getrost nach Mallorca oder in den bayrischen Wald. Denn die Relevanz der Dinge steht und fällt einzig mit uns. Wir bilden uns ein, dass dieses oder jenes wichtig sei. In Wahrheit würde die Welt eben auch ohne dieses oder jenes funktionieren. Diese Gedanken aus dem Alltag der modernen Europäer und Nordamerikaner verdrängt zu haben ist die eigentliche Leistung der verdummenden Moderne.

Zu erklären ist das wieder mit dem Wunsch des Menschen, dass die eigene Existenz Sinn habe. Unser unendliches Universalstreben nach Bildung, Anerkennung und Verwirklichung hat sämtliche Götzen ersetzt. Das mag uns gedanklich befreit haben, hat aber auch dafür gesorgt, dass moralische übergeordnete Instanzen verschwunden sind.

Der Zerfall von Werten und normen des 21. Jahrhunderts beschreibt eigentlich eher die Orientierungslosigkeit vieler Menschen. Die Welt existiert für viele nur noch in Jetztzeit. Deshalb scheint es umso wichtiger, sich selbst in eine Spitzenposition zu bringen, das Leben zu genießen. Je schwächer und wackeliger der gesellschaftliche Rahmen um uns herum ist, je weniger wir an einem festen Ort gestellt sind, umso höher ausgeprägt ist der Wunsch etwas ganz besonderes zu sein. Gerade wenn uns diese Anerkennung, diese Zuneigung zu unserer einmaligen Person so immens wichtig ist, dann sollten wir uns doch einmal ernsthaft fragen: Woher beziehen wir eigentlich diese lebensnotwendige Unterstützung? Wohl doch allein aus »unserer« Gemeinschaft, aus sozialen Bindungen und Beziehungen. Der Ökonom und Soziologe Ferdinand Tönies, bringt es 1925 auf den Punkt: »Bis zur Ermüdung finden wir, auch von bekannten Soziologen, die alte These wiederholt, dass der Mensch von Natur aus ein soziales Wesen sei. Und doch ist sie nur ebenso richtig, wie die entgegengesetzte These, dass er von Natur aus egoistisch, also unsozial sei (…).«

Die Ambivalenz von Nähe und Abgrenzung ist der Zielkonflikt von uns Einmaligen. Einerseits frei in der Gestaltung unseres ambitionierten Lebenslaufes und der Bemühung diesen durch Konsumgüter für andere sichtbar zu machen, andererseits von genau dieser Freiheit gefangen, überfordert und manchmal einsam, weil wir keine echte Gemeinschaft finden. Je mehr Freiheit wir erhalten, umso weniger Verbindlichkeiten und echten Zusammenhalt gibt es, auf dieses Erbe der Aufklärung waren wir nicht gefasst.

Der Sozialpsychologe weiß, dass der Mensch umso glückliche ist, je mehr er von sich selbst abgelenkt ist. Um diesen Zustand zu erreichen schaffen wir immer neue Gemeinschaften: Fußballfanclubs, Sammelkartentreffen, Krabbelgruppen, Foren für Schuhliebhaber…Und das ist auch gut so! Aus der Unzahl bestehender Massen konstruieren wir unsere persönliche und individuelle Gesamtkomposition. Der Mensch hat das Talent, Gruppen zu bilden und ihnen angehören zu wollen. Diese Fähigkeit ist die Grundlage des menschseins. Dieses Masse-Hopping kann entspannend und entkrampfend sein und führt spielerisch zu einer wirklich individuellen Identität. Dagegen ist es doch anstrengend und letztlich nicht zielführend, sich mit einmaligkeitsbemühungen scheinbar gegen die Masse zu stellen. Akzeptieren wir darüber hinaus die Tatsache, dass auch wir die Welt nicht neu erfinden werden. Das zeugt von einmaliger Weisheit, Weitsicht und viel Humor.« (»Wir einmaligen« , Eichborn Verlag, 2010)